Wuppertal und die Fußgänger

Es tickert so durch die Timeline und man liest in Wuppertal leider viel zu häufig: „Fußgänger angefahren“, „Kind von Pkw überrollt“, „Seniorin überfahren“. Weil sich die Unfälle mit Fußgängern zum Jahresende gefühlt gehäuft haben, habe ich mir die Mühe gemacht, die Pressemitteilungen der Polizei Wuppertal für das abgelaufene Jahr 2016 zu durchforsten. Hierbei habe ich alle Unfälle von Fußgängern und Radfahrern, bei denen diese (soweit aus den Pressemitteilungen ersichtlich) unschuldig zu Schaden gekommen sind, gesucht.* Ja, es gibt für sowas offizielle Unfallstatistiken mit genaueren Zahlen und bei weitem nicht jeder Unfall bekommt eine Pressemitteilung. Es ging mir bei dieser Betrachtung vor allem um das Wo und das Warum. Also: Wo und wie sind diese Personen zu Schaden gekommen, wer war beteiligt, wo liegt die Unfallursache. Die unten stehende Karte soll diese Unfälle abbilden. Hierbei sind alle Fußgängerunfälle blau, alle Radfahrerunfälle gelb markiert. Helle Punkte sind leichte, dunkle sind schwere Verletzungen. An den schwarzen Punkten endeten Unfälle tödlich. Für Wuppertal im Jahr 2016 ergibt sich daraus folgendes (der „Datenerhebung“ geschuldet sicherlich unvollständiges) Bild:

Schaut man sich die Unfallbeteiligten an, so wird deutlich, dass häufig Kinder und Senioren an diesen Unfällen beteiligt sind. Dass dieser Eindruck nicht trügt, zeigen dann auch die offiziellen Zahlen. Kinder in Wuppertal waren im Straßenverkehr gefährdeter als nirgendwo sonst in Deutschland [1]. Die Zahlen sind inzwischen etwas gesunken, aber immer noch erschreckend hoch [2]. Auch die Zahl der Senioren die im Straßenverkehr zu Schaden kommen steigt [2] (was zu Teilen auch auf den demografischen Wandel zurück zu führen ist).

Schaut man sich nun die Unfallursachen in den Polizeiberichten an, so decken sich diese auch mit den Statistiken. Gut die Hälfte der Unfälle (aller Verkehrsteilnehmer) passieren beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren bzw. beim Missachten von Vorrang. 253x war die Unfallursache ein direktes Fehlverhalten gegenüber Fußgängern [2]. Auch im landesweiten Vergleich ähneln sich die Zahlen, was die Unfallzahlen von Kindern und Senioren angeht (stagnieren bzw. steigen seit einigen Jahren) [3].

Zwischenfazit: Der Wuppertaler Straßenverkehr hat seit Jahren ein Problem mit Fußgängerunfällen. Speziell bei Kindern und Senioren. Was wird dagegen getan?

Die Stadt Wuppertal hat seit 1995 mit verschiedenen weiteren Kooperationspartnern die Initiative „Achtung Kinder“ ins Leben gerufen, um die Verkehrssicherheit von Kindern zu erhöhen [4]. Im Rahmen dieses Projekts sollen Kinder im Kindergarten und an den Schulen auf die Teilnahme im Straßenverkehr vorbereitet werden. Es werden Geschwindingkeitsdisplays aufgestellt, es gab ein Theaterstück [4] und es werden die üblichen Warnwestenratschläge gegeben [5]. Selbige Empfehlung gibt es selbstverständlich auch für die Senioren [6]. Nebenbei wird natürlich ständig an Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung appelliert. Das ist das Ding mit der Rücksichtnahme und Vorsicht [7]. Was hat es gebracht? Wenn man sich die Karte und die oben genannten Zahlen anguckt gar nichts.

Gründe, warum die Zahlen bei Kindern so hoch sind, werden viele genannt. Tatsächlich werden die Unfälle sogar auf die heutzutage mangelnde Bewegung und damit auf körperliche und geistige Einschränkungen von Kindern geschoben [4] (ernsthaft?!). Dabei sollten die Kinder doch fit sein, schließlich werden sie seit Jahren sehr ausgiebig geschult!? Häufig ist in den Pressemitteilungen zu lesen, dass es keine Sichtbeziehungen an Kreuzungen gibt und vor allem Kinder deshalb „übersehen“ werden. Warum die Warnwestensache sehr strittig ist, führt an dieser Stelle zu weit. Kann man aber hier und hier nachlesen.

Sollte man den Spieß dann vielleicht mal umdrehen? Und sich die wirklichen Gefahren für Fußgänger anschauen?

Stichwort „Elterntaxi“: Eltern bringen ihre Kinder quasi bis direkt in den Klassenraum oder in die Kindergartengruppe, und zwar mit dem Auto (in den USA gibt es die erste Drive-In-Schule). „Weil so viel Verkehr ist“, wird das Auto genommen [8]. Dass die Eltern Teil des Problems sind, wird nicht gesehen, am aller wenigsten von den Eltern selbst. In Berlin kapitulieren sowohl Schulen als auch Polizei vor gefährlichen Autofahrern an Schulen, sodass sogar Schülerlotsenprogramme eingestellt werden. Im letzten Jahr wurde die Aktion „Wegecheck“ [9] in Wuppertal durchgeführt, in der Bürger dazu aufgerufen waren, kritische Stellen zu melden, vor allem für Schulwege. Die Ergebnisse stehen noch aus, es gibt aber eine breite Unterstützerfront für dieses Projekt, welche tatsächlichen Verbesserungen sich aus den Ergebnissen ergeben, bleibt abzuwarten.

Die Infrastruktur ist nämlich eins der Hauptprobleme für Fußgänger. Unübersichtliche Situationen entstehen durch zugestellte Sichtbeziehungen an Kreuzungen und Einmündungen, häufig durch illegal abgestellte Fahrzeuge. Die Kultur des Falschparkens wird in Wuppertal seit Jahren geduldet. Aber selbst durch reguläre Parkplätze entstehen immer wieder Gefahrensituationen. Diese Parkplätze zu Gunsten des Fußgänger- oder Radverkehrs wegnehmen? Wer mit solchen Forderungen kommt, wird direkt vom Freie-Fahrt-für-Freie-Bürger-Lager gekreuzigt. Das Mobilität-geht-nur-mit-eigenem-Auto-Dogma wird weiterhin mit allen Mitteln verteidigt. Dabei kommt schon jetzt der überwiegende Teil der Kunden in Elberfeld (81%), in Barmen (64%), Oberbarmen (82%) und Heckinghausen (87%) ohne Auto zum Einkaufen in die Stadt [10]. Aber selbst im Neubau von Infrastruktur werden Gefahrensituationen generiert. Zum Beispiel wird es am neuen Döppersberg Schleppkurven geben (baulich so neu angelegt), die schnelles Abbiegen erlauben und damit die Unfallgefahr erhöhen [11]. Anstatt also Infrastruktur fußgängerfreundlich umzubauen, wird fleißig weiter eine autogerechte Verkehrspolitik verfolgt.

Es entsteht also ein Bild, dass in Wuppertal die Unfallzahlen seit Jahren hoch sind und dass die Gegenmaßnahmen augenscheinlich keinen Mehrwert haben bzw. bewusst ignoriert und an bestehenden Strukturen festgehalten wird, obwohl diese nachweislich gefährlich sind. Welchen Stellenwert Fußgänger in Wuppertal haben, lässt sich auch sehr gut an dem – zum Glück ziemlich schnell beendeten –  Versuch ablesen, eine Fußgängerampel zu Gunsten des motorisierten Verkehrs abzuschalten [12] [13].

Die Gründe, warum sich das ändern sollte, sieht man in diversen anderen Städten im internationalen Vergleich. Der Städteplaner und Architekt Jan Gehl hat dazu ein interessantes Interview zu diesem Thema gegeben. Es geht schlichtweg darum, eine Stadt menschengerecht zu gestalten. Eine Förderung des Fußgängeranteils einer Stadt sorgt für eine Verbesserung der Lebensqualität. Deshalb sollte vor allem auch der Verkehr für Fußgänger möglichst sicher und komfortabel gestaltet werden. Und um auf die Kinder und Senioren zurück zu kommen: Ein Konzept, wie so etwas klappen kann, heißt 8-80. Wenn eine Stadt (und ihr Straßenverkehr) für 8-jährige Kinder und 80-jährige Senioren ausgelegt ist, dann funktioniert sie auch für alle anderen Menschen. Und das bedeutet eben nicht, einfach nur Warnwesten zu verteilen und Kinder zu schulen. Es bedeutet, die Stadt, die Infrastruktur und die Gegebenheiten so umzubauen, dass sich eben alle sicher im Verkehr bewegen können. Dazu gehört auch eine Reduktion des motorisierten Verkehrs. Man könnte es wie zum Beispiel in New York machen [14]. Oder man schaut sich das Wuppertal von heute an und kratzt sich kräftig am Kopf, wenn man an der Baustelle der neuen Stadtautobahn am Döppersberg vorbeigeht. Eine menschenfeindliche Asphaltwüste auf 9 Spuren. Die Autofahrer reiben sich schon die Hände.

 

*inkludiert wurden nur Pressemitteilungen, aus denen hervorgeht, dass das Unfallopfer keine Schuld trifft (Trunkenheit, Rotlichtverstöße von Fußgängern/Radfahrern etc. wurden nicht mitgezählt). Der Übersicht halber habe ich mich auf das Wuppertaler Stadtgebiet beschränkt. Beim Durchschauen der Meldungen ergab sich aber für Solingen und Remscheid ein ähnliches Bild.

 

[1] Kinderunfallatlas – Bundesanstalt für Straßenwesen; 2012, S. 30 (http://bast.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2012/602/pdf/M_232b.pdf)

[2] Jahresverkehrsbericht – Polizei Wuppertal, 2015, S.6 ff (https://www.polizei.nrw.de/media/Dokumente/Behoerden/Wuppertal/Verkehrsbericht_2015.pdf)

[3] Verkehrsunfallstatistik 2015 – Polizei NRW, 2015, S. 12 ff (https://www.polizei.nrw.de/media/Dokumente/Vekehrsunfallstatistik_2015.pdf)

[4] 10 Jahre soziale Ordnungspartnerschaften in Wuppertal – Stadt Wuppertal, 2008, S. 10 f (https://wuppertal.de/vv/produkte/201/102370100000430335.php.media/437712/102370100000437712.pdf)

[5] Warnweste und Reflektoren, damit Kinder besser sichtbar sind – Westdeutsche Zeitung, 21.11.2016 (http://www.wz.de/lokales/burscheid-region/warnweste-und-reflektoren-damit-die-kinder-besser-sichtbar-sind-1.2320288)

[6] Initative „sehen und gesehen werden“ – Verkehrswacht NRW (http://www.lvwnrw.de/angebote/fuer-senioren.html)

[7] Straßvenverkehrsordnung – Paragraph 1 (http://www.stvo.de/strassenverkehrsordnung/89-1-grundregeln)

[8] Gefährliches Verkehrschaos am Schulzentrum – Westdeutsche Zeitung, 03.11.2016 (http://www.wz.de/lokales/wuppertal/stadtteile/vohwinkel/gefaehrliches-verkehrschaos-am-schulzentrum-1.2307285)

[9] Schulwegcheck (http://www.schulwegcheck.de/wegecheck/)

[10] Einzelhandels- und Zentrenkonzept – Wuppertal, 2015, S.26 (https://www.wuppertal.de/rathaus-buergerservice/medien/dokumente/Einzelhandels_-_und_Zentrenkonzept.pdf)

[11] https://www.sab-wuppertal.de/index.php?i=bildergalerie&s=21112016&p=1

[12] Robert Daum Platz – Versuch abgebrochen – Wuppertaler Rundschau, 07.11.2014 (http://www.wuppertaler-rundschau.de/lokales/robert-daum-platz-versuch-abgebrochen-aid-1.4654508)

[13] Sind Fußgänger in Wuppertal auch Verkehr oder können (sollen) die weg?! – njuuz, 09.11.2014 (http://www.njuuz.de/beitrag28019.html)

[14] Allen & Pinke Streets – New York City, 2010 (http://nacto.org/wp-content/uploads/2011/02/AllenandPikeBicycleImprovementProject_bikelanes_NewYork.pdf)

 

Die FDP ist #postfaktisch

Die FDP in Münster, genauer die Bezirksvertretung, vertreten durch Herrn Eckervogt, möchte die zu Recht aufgehobene Radwegbenutzungspflicht auf der Amelsbürener Straße in Hiltrup wiedereinführen. Er ignoriert hierbei geltendes Recht, zukunftsorientierte Verkehrsplanung und nebenbei auch noch die Realität. In diesem Beitrag möchte ich als Hiltruper und regelmäßiger Nutzer der Amelsbürener Straße erklären warum die FDP und Herr Eckervogt #postfaktisch mit populistischen und falschen Informationen auf Stimmenfang gehen. Das kann man so nicht stehen lassen.

Worum es geht:

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The Kids All Ride!

„A good city is like a good party – people stay longer than really necessary, because they are enjoying themselves“ – Jan Gehl

Und ich feier mit! Dieses Blog beschäftigt sich ab jetzt mit Fahrradfahren und dem Leben in der Stadt und Dingen die mal mehr mal weniger damit zu tun haben. Dabei geht es bei Pedalkultur nicht um Kultur im Sinne von Retro-Stahlrennern oder Fachgesimpel über verchromte Anbauteile. Es geht um Alltagsradfahren, um das Pendeln zur Arbeit, um Schlaglöcher auf Radwegen, Bus und Zug fahren, um das Miteinander in der Stadt, das urbane Leben und was das eigentlich im 21. Jahrhundert heißt.

Der Idealist in mir sieht eine Zukunft in der wir alle gemeinsam auf der besten Party feiern können, vom Kleinkind bis zum Rentner und damit etwas für eine lebenswerte Stadtentwicklung tun.