Fahrradstadt? Jetzt erst recht!

Münster ist die fahrradfreundlichste Großstadt in Deutschland. Mal wieder. Zumindest, wenn man sich die Ergebnisse des Fahrradklimatest 2016 anguckt, die der ADFC heute veröffentlicht hat. Hier liegt Münster in seiner Städtekategorie (>200.000 Einwohner) auf Platz 1.

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Fahrradstrickkunst

Klingt super? Ist es aber leider nur bedingt. Mit einer Note von 3,1 (es wird in Schulnoten gewertet) erreicht Münster einen historischen Tiefpunkt im Vergleich zu den Ergebnissen der letzten Jahre. Lagen wir 2005 noch mit einem Wert von 2,05 weit vor der „Konkurrenz“, entwickelten sich die Bewertungen bei den letzten Tests fast stetig nach unten (2012: 2,61 – 2014: 2,50 – 2016: 3,1). Trotzdem landet Münster stets auf dem Spitzenplatz. Nun könnte man sagen, dass diese Tatsache bezeichnend ist für die Entwicklung des Radverkehrs, sowohl in Münster als auch in Deutschland. Wenn eine Stadt, die sich selbst gerne im Lichte dieses Prädikats „fahrradfreundlichste Stadt“ sonnt, es über 10 Jahre hinweg schafft mit einem stetig schlechter werdenden  Mittelmaß an der Spitze des deutschen Radverkehrs zu stehen, dann hat der Radverkehr in Deutschland ein Problem. Andersherum zeigt sich an diesem Trend aber auch sehr deutlich, dass sich Münster seit Jahrzehnten auf längst vertrockneten Lorbeeren ausruht und sich die Fahrradförderung hier im Tiefschlaf befindet.

Städte wie Karlsruhe und Freiburg holen massiv auf und liegen im Ranking nur noch hauchdünn hinter Münster. Hier scheint tatsächlich etwas für den Radverkehr getan zu werden. Und vor allem kommt diese Föderung auch bei den Radfahrenden an, denn die bewerten ja schließlich die Situation vor Ort. Spätestens jetzt muss auch Münster einsehen, dass wir hier nicht mehr in scheinbar überirdischer Radfahrer-Glückseligkeit schweben. Der Negativtrend mit dem heutigen vorläufigen Tiefpunkt ist für die Stadt eigentlich eine Blamage und müsste den Verantwortlichen höchst peinlich sein.

Denn schaut man sich an, welche Schwerpunkte die Befragten bei den Stärken und Schwächen in Münster angaben, so sind diese eigentlich seit Jahren gleich. Als Stärken werden genannt, dass alle Rad fahren, dass die City gut erreichbar ist und viele Einbahnstraßen für gegenläufigen Radverkehr geöffnet sind. Diese Errungenschaften sind aber nicht so wahnsinnig positiv der Stadt, Verwaltung oder Politik zuzuschreiben. Wenn man sich die Historie der Stadt (Promenade, Einfallstraßen, flache Topografie) anschaut und schlicht geltendes Recht umgesetzt wird (Einbahnstraßen müssen freigegeben werden). Bei den negativen Aspekten hingegen wird sehr deutlich wo die Verantwortlichen seit Jahren den Anschluss an echte Radverkehrförderung verloren haben: zu schmale Radwege, Konflikte mit dem motorisierten Verkehr und das ewige Leid der Diebstähle. Bei diesen Bewertungen müssen sich die oben genannten Akteure mindestens Handlungsunwillen, wenn nicht sogar Ignoranz vorwerfen lassen.

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Benutzungspflichtiger Radweg an der Hüfferstraße

Alle genannten Probleme liegen in der Verantwortung der Stadt und hätten in den letzten Jahren angegangen werden können. Stattdessen wird weiterhin an der Radwegbenutzungspflicht auf handtuchbreiten Buckelpisten festgehalten, die Sanierung von Radwegen läuft schleppend bis gar nicht, Abstellanlagen werden ersatzlos abgebaut und die Ordnungspartnerschaft „sicher durch Münster“ war rückwirkend betrachtet ein Desaster.

Alles Mist? Bei dem eigentlich schon wieder lustigen Fakt, dass Münster im Haushalt keine eigene Kostenstelle für Radverkehr hat und die Ausgaben für selbigen deshalb nur schätzen kann, könnte man das glauben. Das ist zwar auch eher traurig, aber die Ideen scheinen da zu sein, wenn man unseren Verkehrsplanern glaubt. Aktuell liegt das Budget aber bei lächerlichen 1,93 Euro/Kopf und dafür bekommt man quasi nichts. Auf keinen Fall eine Förderung die einen weiteren Spitzenplatz rechtfertigen würde.

Und trotzdem gibt es da den ein oder anderen Lichtblick: Die Amelsbürener Straße zum Beispiel.

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Amelsbürener Straße in Münster Hiltrup

Die Straße wurde komplett saniert, inklusive neuer Flächenverteilung. Die Fahrbahn ist schmaler geworden, dafür die Rad- und Gehwege breiter. Außerdem wurde ein baulicher Trennstreifen zwischen den (reduzierten) Parkbuchten und dem Radweg angelegt, um Dooringunfälle zu verhindern. Es wurden sämtliche Bushaltestellen mit Fahrradbügeln ausgestattet, um Multimodalität zu fördern. Zudem wurde logischerweise keine Benutzungspflicht angeordnet, auch wenn die FDP das doof findet. Alles in Allem könnte diese Straße als Blaupause für weitere Umbaumaßnahmen stehen (ja, über Pflastersteine auf dem Radweg kann man streiten).

Und tatsächlich gibt es in letzter Zeit vermehrt Vorstöße, die Situation zu verbessern. Es kommt Tempo 30 auf einer Haupteinfallstraße, ein zweiter Promenadenring wird ins Gespräch gebracht, um die Vororte besser zu vernetzen und die bestehende Promenade hat, zumindest an einer Stelle, schon Vorfahrt bekommen. Die Debatte um eine weitreichende Vorrangsänderung gibt es ebenfalls. Nur bisher sind diese Ideen ausschließlich Lippenbekenntnisse. Bis eine Maßnahme umgesetzt ist, braucht es einen langen Atem und gefühlt unendlich viel Zeit. Zu viel Zeit, um den Anschluss an (internationale) Fahrradstädte überhaupt erstmal zu erreichen. Von einem Agieren auf Augenhöhe kann schlicht nicht die Rede sein, auch wenn die Vergleiche zu Utrecht und Kopenhagen im Rathaus gerne benutzt werden.

Ein Lichtblick: Auch in der Zivilgesellschaft, die immerhin zu fast 40% das Hauptverkehrsmittel Fahrrad benutzt, gibt es immer mehr den Drang danach, ein zukunftsfähiges Mobilitätskonzept für Münster auf die Beine zu stellen. Die Critical Mass verzeichnet stetig steigende Teilnehmerzahlen, Initiativen wie Lasse – das freie Lastenrad oder die Beteiligung beim Projekt Klimaschutz 2050 erhalten großen Zuspruch und rege Beteiligung aus der Bürgerschaft.

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Critical Mass Münster
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Bürgersymposium zu zukunftsfähiger Mobilität (Projekt Klimaschutz 2050)
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Lasse – das freie Lastenrad für Münster

Was bleibt? Ein schlechtes Ergebnis in einem Ranking, welches sicher auch seine Grenzen hat. Neben all dem Für und Wider des Fahrradklimatests und dessen Aussagekraft glaube ich, dass das Ergebnis in den Grundzügen auf jeden Fall die Situation und Entwicklung in Münster bestätigt. Die Probleme liegen offen auf der Hand bzw. stehen jeden Tag im Stau und erzeugen Lärm, Schmutz und mindern die Lebensqualität. Es ist nun auf der einen Seite an der Politik, dieses Ergebnis nicht wieder als grenzenlosen Erfolg darzustellen, sondern endlich lösungsorientiert an die Sache heranzugehen. Und das nicht nur, weil Leute wie ich darüber bloggen oder eine Ampelphase weniger warten wollen, sondern vielmehr, weil eine Förderung des Radverkehrs allen Bürgerinnen und Bürgern zugute kommt und eine Steigerung der Lebensqualität für jeden bedeutet, egal welches Verkehrsmittel man nutzt. Auf der anderen Seite liegt es an der Öffentlichkeit, vor allem an den tausenden Radfahrenden, endlich ihrer Stimme Gehör zu verschaffen und das einzufordern, womit Münster so gerne hausieren geht: eine fahrradfreundliche Politik. Wir, die Radfahrenden, sind es, die den Verantwortlichen den Finger in die Wunde legen, konstruktive Vorschläge aus unserem Alltag einbringen und uns für unsere Rechte einsetzen müssen. Damit Münster möglichst bald das wird, für was es sich seit Jahren schon hält: eine fahrradfreundliche Stadt in der sich jeder, vom Kind bis zum Senior, sicher, komfortabel und zügig mit dem Rad fortbewegen kann.

Das heutige Ergebnis bescheinigt uns einen großzügigen Schlag ins Gesicht. Lasst uns gemeinsam etwas tun, dass wir beim nächsten Mal nicht komplett zu Boden gehen! Fahrradstadt Münster? Jetzt erst recht!

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